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Schweigen im Walde – Veröffentlichung kfd

08.03.2019. Aktuelle Pressemeldung, Quelle: Frau und Mutter, Mitgliederzeitschrift der Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) – Bundesverband e.V. Düsseldorf; Ausgabe 03/2020.

Waldbaden – Shinrin Yoku – ist ein Trend, der sich derzeit von Japan aus verbreitet: Dabei geht es darum, durch Erholungsübungen sowie eine bewusste körperliche und gedankliche Langsamkeit den Alltag beiseitezulegen und das Gedankenkarussell zu stoppen. „Frau und Mutter“- Redakteurin Isabelle De Bortoli hat es ausprobiert.

Haben Sie schon mal im Wald die Schuhe ausgezogen? Gespürt, wie sich der Waldboden anfühlt? Wie es sich auf Tannennadeln und Steinchen läuft? Zugegeben, ein wenig befremdlich ist dieser Gedanke schon, als Karin Wiessmann, zertifizierte Kursleiterin für das Waldbaden, dazu auffordert.
Es pikst und zwickt ein wenig, und es ist überraschend warm. Und dann läuft es sich – langsam – doch ganz gut, so ohne schützendes Schuhwerk. Vorbeieilende Nordic-Walker werfen uns ungläubige Blicke zu: Wieso schleichen die so bedächtig durch den Wald, barfuß? Dabei ist dies ein Bild, an das man sich in Zukunft gewöhnen könnte, denn: Waldbaden ist im Trend. Seinen Ursprung hat das Shinrin Yoku in Japan. Die japanische Forstagentur schlug bereits in den 80er-Jahren Waldbäder (im Sinne von „Sonnenbaden“) als gesunden Lebensstil vor, sie sollten die japanische Bevölkerung dazu anregen, mehr in die Natur zu gehen. „So entwickelte sich Waldbaden zu einer anerkannten Stressbewältigungsaktivität in Japan“, sagt Karin Wiessmann.

Die Atmosphäre des Waldes genießen oder eine Aromadusche nehmen: Beim Waldbaden geht es um das absichtslose Einlassen auf die Natur. Achtsamkeit, langsames Gehen, Stille und Wahrnehmen mit allen Sinnen spielen eine wichtige Rolle. Und so laufen auch wir an diesem Morgen nicht einfach schnell durch den Wald, sondern schlendern ungewohnt langsam (inzwischen wieder mit Schuhwerk). Hören auf das Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste, das Knarzen der Bäume. Und sehen Grün, viel Grün. Manchmal bleiben wir stehen, atmen tief ein und aus, jede für sich, in ihrem Rhythmus. Wir lassen Gedanken kommen und gehen, werden ruhig. Und tun gleichzeitig etwas für unsere Gesundheit, wie Karin Wiessmann erklärt: „Blutdruck- und Blutzuckerspiegel werden gesenkt, das Stresshormon Cortisol wird abgebaut, natürliche Killerzellen werden erhöht.“ Denn durch das Einatmen der bioaktiven Substanzen oder Terpene im Wald stärken wir messbar das Immunsystem.

An verschiedenen japanischen Hochschulen wird zum Thema Waldbaden geforscht, und seit 2017 befasst sich auch die Ludwig-Maximilian-Universität in München mit einem eigenen Lehrstuhl mit dem Waldbaden. Die Wissenschaftler haben herausgefunden: Der Aufenthalt im Wald fördert die Selbstheilungskräfte, die Schlafqualität verbessert sich, Geist und Körper regenerieren. Kurz – es muss einen starken Zusammenhang geben zwischen der Anwesenheit von Bäumen und dem menschlichen Wohlbefinden. Tatsächlich werden die Gedanken an den Alltag immer mehr in den Hintergrund geschoben, je länger wir in der Natur sind. Wir gehen tiefer in den Wald hinein, bleiben jedoch immer auf den Wegen – ganz wichtig, um Pflanzen und Tiere nicht zu (zer)stören!

Jede sucht sich einen Baum, schaut ihn sich genauer an, erkundet den Stamm, die Rinde, lehnt sich an oder setzt sich auf ein weiches Mooskissen zwischen den Wurzeln. Und dann sitzen wir einfach da, mit offenen oder geschlossenen Augen. Zuerst kreisen die Gedanken noch, dann wird alles ruhig. Zeit in der Stille, auch das soll das Waldbaden ermöglichen. Zeit, um zu sich selbst zurückzukehren, um zu genießen, um sich selbst zu heilen. Zeit, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen.
Plötzlich ertönt ein Glöckchen. Zuerst denkt man, ein Radfahrer fährt auf dem Hauptweg entlang, und bleibt noch ein wenig sitzen. Dann wird klar: Das Glöckchen klingelt Karin Wiessmann, sie lädt zu einer Teezeremonie ein. Auf einer alten Wurzel angerichtet, stehen Gläser mit frisch aufgegossenen Minzblättern. Der heiße Tee tut gut hier draußen – und er ist gleichzeitig eine Achtsamkeitsübung: Schlückchenweise getrunken, soll man seinen Geschmack bewusst wahrnehmen, auch das gehört zur Langsamkeit des Waldbadens und zum Einlassen auf die Natur. Mit achtsamem Blick sieht man im Wald aber natürlich auch umgekippte Stämme, totes Holz, leergefegte Lichtungen: die Folgen von Klimawandel und Borkenkäfer.

In Deutschland kommt es seit vorigem Jahr zum großflächigen Absterben von Bäumen in einem Ausmaß, das es nach Angaben von Regierung sowie Fachverbänden so noch nicht gab. Laut Bundesagrarministerium sind inzwischen 150.000 Hektar Wald zerstört. Als maßgebliche Ursachen gilt die seit zwei Jahren anhaltende Dürre.
„Das Waldbaden soll uns auch dazu bringen, unserem Wald und unserer Natur wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, uns ihrer Bedürfnisse bewusst zu werden und diese zu schützen“, sagt Karin Wiessmann. „Damit wir uns im Wald regenerieren können, muss auch der Wald regenerieren.“ Dem Wald mehr Aufmerksamkeit schenken, ihn viel öfter besuchen: Das nehmen auch wir Waldbaderinnen uns vor. Denn die Zeit unter dem Blätterdach der Bäume war entspannend und kräftigend zugleich. Eine gesunde Auszeit – und das direkt vor der Haustür, ohne großen Aufwand. Also: Der Frühling naht! Auf, in den Wald!

Übrigens: Schon Hildegard von Bingen hatte die Kraft des Grüns erkannt. Sie schuf dafür sogar ein eigenes Wort: Viriditas („Grünkraft“). Für die Heilige war das Grün eine lebensnotwendige Kraft, die in Tieren, Menschen und Pflanzen enthalten ist. Die Grünkraft kann man aber auch verlieren: zum Beispiel durch Eintönigkeit in der Arbeit und im Alltag. Man kann sie aber auch wiedergewinnen und erhalten: Bewegung und Erlebnisse in der Natur stärken dabei den Menschen nachhaltig. Hildegard von Bingen war sicher, dass der Mensch in der Lage ist, sich durch den Aufenthalt in der Natur zu heilen.

Fotos: Tina Umlauf.

Lesetipp: IM WALD SEIN von Melanie H. Adamek Optimum Verlag 34,90 Euro ISBN: 978-3-936798-17-3

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung: Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) – Bundesverband e.V., Düsseldorf, https://www.kfd-bundesverband.de/frau-und-mutter/

Die Mitgliederzeitschrift „Frau und Mutter“ erscheint monatlich mit einer Auflage von etwa 450.000 Exemplaren.

Artikel als PDF-Download: 01.03.2020_KFD – Bundesverband e.V._Frau und Mutter

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